Über die Ereignisse am See hatte es ein jahrelanges Rätselraten
gegeben. Irritiert durch die vollkommene Absenz jeglicher Rationalität,
war unter den Historikern ein erbitterter akademischer Streit
entbrannt. Da eine Dialektik von Ursache und Wirkung nicht erkennbar
war, konnte die Diskussion letzten Endes nur um die spekulative
Menschheitsfrage von Genie und Wahnsinn kreisen.
Hermine Wirsing höchstpersönlich war es schließlich vorbehalten,
Licht in das ominöse Dunkel zu bringen und das Geheimnis der österlichen
Epiphanie zu lüften. Nachdem sie sich von Heribert hatte scheiden
lassen und ins Lager der Radikal-klaferzen übergewechselt war,
gab sie in einem mehrtägigen Outing vor laufenden Fernsehkameras
jede Menge Interna aus ihrem Leben als Kanzler-Gattin zum besten.
Die Einschaltquoten dieser Serie, die unter dem Titel »HW und
ich Begegnung der Vierten Art« ausgestrahlt wurde, hatte damals
alle Rekorde gebrochen.
Wenn man Hermines Darstellungen Glauben schenken wollte und
warum sollte man nicht? hat ihr Heribert es kaum erwarten können,
bis der Urlaub endlich zu Ende war und er im Kreise seiner Getreuen
im Kabinett seinen genialen, in einer Sekunde der vollkommenen
Übereinstimmung mit sich und der Natur gefaßten Entschluß erläutern
durfte. Bekannt ist, daß in jener ersten Kabinettsrunde nach der
Osterpause viele Stunden bis tief in die Nacht beraten wurde.
Dies hat der gesamten Presse Anlaß zu manigfachen Spekulationen
gegeben, doch, wie so oft, nachdem Kanzler Wirsing eine Denkpause
eingelegt hatte, mußten sich die Medienvertreter am Ende eines
Besserern belehren lassen. Noch nie zuvor allerdings haben sie
sich mit ihren Vermutungen und möglichen Vorausdeutungen derart
auf dem Holzweg befunden, wie sich am darauffolgenden Morgen herausstellen
sollte, als Heribert Wirsing leicht erschöpft, aber mit einem
Mienenspiel, das außergewöhnliche Genugtuung verriet, vor die
Kameras und Mikrofone trat:
»Meine Damen und Herren, folgender Beschluß wurde heute nacht
auf meine persönliche Anregung hin vom Kabinett gefaßt:
Alle Minister werden ab kommender Woche durch ihre Ehefrauen beziehungsweise
Freundinnen im Amt ersetzt. Umgekehrt die drei Ministerinnen durch
ihre Männer. Gleiches gilt für die Mitglieder der Fraktionen der
Regierungsparteien. Nur das Amt des Kanzlers bleibt von diesem
Revirement unberührt.«
(...)
Für Heribert Wirsing war die Welt mehr als in Ordnung. Er genoß
seine Popularität und ließ keine Gelegenheit aus, seine staatsmännische
Weitsicht rühmen zu lassen. Als das Revirement schließlich vollzogen
war, bekannte er in einem Interview, er fände es »ausgesprochen
schick«, bei seiner Regierungsarbeit von so vielen »prächtigen
und liebenswerten« Frauen umgeben zu sein. Fuchsteufelswild konnte
er nur werden, wenn bei all dem Sonnenschein aus der einen oder
anderen Ecke Kritik geäußert wurde, daß er sich selbst nicht auch
ausgewechselt habe. »Wo kommen wir da hin«, sagte er dann meist
mit leicht beleidigtem Unterton, »wenn der Reiter das Pferd trägt.
Der Genius ist durch seine Erfindung nicht zu ersetzen.«
Da dieser Vorwurf jedoch in aller Regel von Männern, also einer
von Neidgefühlen geplagten Minderheit, erhoben wurde, ließ sich
Heribert Wirsing nicht nachhaltig davon beirren. Viel wichtiger
waren die Frauen, und von ihnen hatte er zunächst nichts zu befürchten.
Für eine gewisse Zeit ließen sie ihn sein Erfolgserlebnis als
erster »Frauenkanzler« der Geschichte unbehelligt auskosten. Die
Frauen konnten sich diese Großzügigkeit leisten, denn sie wußten,
daß die gesamte Macht im Lande ohne Wenn und Aber nun in ihren
Händen liegt, und es lediglich eine Frage der Zeit sein würde,
wann auch Heribert Wirsing seinen Hut zu nehmen habe. Die Frauen
wußten das, die Männer befürchteten es, nur einer war ahnungslos:
H.W. Jeden Tag trat er in den Abendnachrichten vor die Kameras,
rechtfertigte mit allerlei abstrusen Überlegungen seine Werke
und lobte die phantastische Zusammenarbeit mit den »präzise und
hart arbeitenden Frauen, auf die unser Land stolz sein kann.«
.
Es war ein putziges Spiel von Friede-Freude-Eierkuchen. Ganz unverhofft
und ohne Vorwarnung kam dann das Ende für den »Frauenkanzler.«.
Er war gerade wieder einmal dabei, seinen staatsmännischen Pflichten
nachzukommen, und weilte zum Zwecke eines bilateralen Gedankenaustausches
in Sierra Leone, als bei einer Parlamentssitzung aus den Reihen
der EWFFP ein Mißtrauensantrag gegen Heribert Wirsing eingebracht
wurde. Selbstverständlich war dies kein Schuß aus der Hüfte, sondern
von langer Hand vorbereitet. So kam es denn auch für niemand überraschend,
daß dieser Mißtrauensantrag fraktionsübergrei-fend beim ersten
Anlauf von fast allen Frauen im Parlament (sie hielten jetzt über
90 Prozent der Mandate und Ministerposten) befürwortet wurde.
Damit war das vorzeitige Ende des ersten und einzigen selbsternannten
»Frauenkanzlers« in der Geschichte der Menschheit besiegelt.
(...)