Der Schollenkrug, den Charly Grüner im Gefolge von Walter Spurmann betrat, machte
in der Tat einen so vertrauenerwecken-den Eindruck wie eine neapolitanische
Hafenpinte.
(...)
Die beiden eintretenden Männer die einzigen Gäste überhaupt
empfingen ein düsterer Schankraum und ein offenbar übelgelaunter
Wirt, der es weder für nötig hielt, von seiner Zeitung aufzublicken,
noch den Gruß zu erwidern.
»Na so was, Andreas, du hier? Um diese Tageszeit?« fragte Walter
Spurmann in vertraulichem Ton den in seine Zeitungslektüre vertieften
Mann hinter dem Tresen und fügte an Grüner gewandt hinzu:
»Du mußt wissen, Andreas Pelliopulos ist der letzte wahre Repräsentant
vom stolzen Stamme der Hellenen und hat es bislang erfolgreich
vermieden, vor Sonnenuntergang einer Beschäftigung nachzugehen,
die auch nur ansatzhaft etwas mit Arbeit zu tun hat.«
Der Grieche konnte im Gegensatz zu den beiden Gästen über
diesen Scherz nicht lachen. Immerhin erinnerte er sich daran,
daß er als Wirt davon lebte, Getränke zu verkaufen:
Wollt ihr Bier oder Wein, oder fangt ihr gleich mit Ouzo an.«fragte
er, während er die Zeitung zusammenfaltete und sich müde von seinem
Barhocker erhob. Spurmann und Grüner, die an einem kleinen Zweiertisch
am Fenster Platz genommen hatten, bestellten Bier.
»So, du wunderst dich also, weshalb ich hier bin?« kam es in fast
akzentfreiem Deutsch hinter dem Tresen hervor. »Du wunderst dich!
Ha, ich wundere mich auch. Ich wundere mich, was ihr Deutschen
bloß für ein Volk seid. Seit beinahe 30 Jahren lebe ich hier und
habe einiges erfahren und mitmachen müssen, was in meinem Land
undenkbar wäre Gutes und Schlechtes. Aber jetzt habt ihr vollkommen
den Verstand verloren, wie?.«
Andreas tiefe, angenehme Stimme klang nicht im mindesten erregt.
er stellte aus einer gewissen Distanz heraus einfach nur fest.
»Da mögen Sie gar nicht so unrecht habe.«, gab Karl Grüner trocken
seine Zustimmung zur Kenntnis. »Es ist wohl das Schicksal dieses
Volkes, in gewissen Zeitabständen immer mal den Verstand zu verlieren.
Und wie es aussieht, ist es gerade wieder dabei.«
Ohne auf Grüners Bemerkung einzugehen, wandte sich Andreas wieder
direkt an Spurmann, während er mit den gefüllten Gläsern in der
Hand langsam zum Tisch kam:
»Ich soll meine Scheiße alleine machen, hat Susi am Telefon zu
mir gesagt. Ich habe sie heute morgen angerufen, weil sie nicht
im Laden erschienen ist, verstehst du? Meine Scheiße alleine machen...!
Ist das nicht eine Frechheit.«
Entrüstet stauchte Andreas die Biergläser auf den Tisch, so daß
der Schaum über die Ränder schwappte.
»Und was ist mit Sabine.«fragte Spurmann.
»Für Sabine gilt das gleiche, sagt Susi. Wir haben lange genug
deine Drecksarbeit gemacht. Jetzt ist es genug. In deinem Puff
wirst du uns nie wieder sehen, hat sie gesagt. In meinem Puff...!
Stell dir das vor. Dabei war ich immer wie ein Vater zu diesen
beiden Schlampen. Wie oft habe ich die Augen zugedrückt, wenn
ich merkte, daß sie mich bescheißen. Hier zwanzig Mark, dort eine
Flasche Wein...Pha, was solls. Jeder soll leben, so gut er kann.
Machts nur nicht so offensichtlich, hab ich immer gesagt. Ein
bißchen betrügen ist schon in Ordnung, aber nicht so, daß es gleich
ein Blinder merkt...«
»Aber mit Susi hattest du doch mehr als ein rein väterlich-freundschaftliches
Verhältni.«, unterbrach Spurmann die treuherzigen Selbstbekenntnisse
des Griechen.
»Ach verdammt, das ist es ja gerade. Sie will mich verklagen.
Wegen Vergewaltigung! Was sagst du dazu? Wegen Vergewaltigung!
Erinnerst du dich, wie sie im Sommer hier ankam? Ihr T-Shirt,
das vorne und hinten und an den Seiten nur aus Löchern bestand.
Und das Röckchen bis oben hin, daß einem beim bloßen Hinsehen
schon ganz anders wurde. Mußt du eigentlich alles zeigen? hab
ich sie mal gefragt. Und was sagt das geile Luder? Wieso? Du
mußt ja nicht hinsehen, wenn es dir nicht gefällt. Wochenlang
hat sie mich provoziert bis ich sie eines Tages über den Tresen
legte und es ihr besorgte. Von wegen Vergewaltigung! Gar nicht
genug kriegen konnte sie. Keuchend vor Geilheit hielt sie mir
ihre Möse hin und, weiß Gott, nicht nur einmal. Wie oft, wenn
sie Spätschicht hatte, kam sie und machte mich an: Komm wirf
doch die beiden Penner raus und mach den Laden dicht. Du hast
doch auch Lust, oder? So ist das gelaufen. Bei allen Göttern
des Olymp. Bist du ein Mann oder bist du keiner? Und wenn du ein
Mann bist, dann schmeißt du den letzten Gast raus und drehst den
Schlüssel um. Kein Mann verweigert sich, wenn Aphrodite ihr Opfer
verlangt.«
Im Stehen und heftig gestikulierend hatte Andreas diese Liebesbeichte
gehalten. Jetzt zog er sich einen Stuhl heran und brachte seinen
Kopf ganz nah zwischen die beiden Zuhörer:
»Was meint ihr? Ob die mich wirklich anzeigt wegen Vergewaltigung?«
fragte er mit der gedämpften Stimme eines Verschwörers.
»Hmmm, na j.«, meinte Grüner zögernd, »schwer zu sagen im Augenblick.
Wer weiß, wie sich alles noch entwickelt...«
Mit einer ungeduldigen Handbewegung schnitt der Grieche ihm das
Wort ab.
»Was sagtst du, Walter?« fragte Andreas erwartungsvoll. Er wollte
unbedingt etwas Tröstliches hören.
»Ich muß Charly recht geben, Andreas. Leider! Nichts ist unmöglich.
Du mußt einfach abwarten. Vielleicht wollte dir Susi ja auch nur
ein wenig Angst einjagen...«
Polternd schob der letzte wahre Repräsentant vom stolzen Stamme
der Hellenen seinen Stuhl zurück und sprang auf:
»Was seid ihr nur für Waschlappen?! Laßt euch von dem Weibervolk
tyrannisieren. Aber nicht mit mir! Soll sie es nur wagen. Dann
wird sie erleben und ihr alle wie ein Grieche kämpft.«