Ullrich Hausmann erkannte, daß er sich im Ton vergriffen hatte,
daß diese junge Frau nicht der richtige Adressat für Vorwürfe
war. Wie konnte er sie für seine Frustrationen und Enttäuschungen
verantwortlich machen, die ihn schließlich zur Emigration getrieben
hatten. Wie sollte diese Brasilianerin, die sie doch war, auch
wenn sie perfekt deutsch sprach, die nie ihren Fuß auf deutschen
Boden gesetzt hatte und die die aktuelle Entwicklung in Mitteleuropa
nur durch Informationen aus zweiter und dritter Hand nachvollziehen
konnte, wie sollte diese jugendliche Unbedarftheit eine realistische
Einschätzung der tatsächlichen Gegebenheiten im Reich der Frauen
von sich geben können? Er war sich seines Fauxpas bewußt und bereit
einzulenken.
»Nehmen Sie einem alten Mann seine Verbitterung über einen verkorksten
Lebensabend nicht übel. Ich bitte Sie höflichst um Vergebung!
Sie können ja nichts dafür. In wenigen Stunden sind Sie dort und
können sich selbst ein Bild machen. Und damit, schlage ich vor,
sprechen wir über etwas anderes.«
Maria war zufrieden, daß der Professor zu seiner gewohnten Ruhe
zurückgefunden hatte, die sie so an ihm schätzte. Sie wollte seine
Entschuldigung akzeptieren, jedoch nicht, ohne wenigstens einen
für sie einigermaßen nachvollziehbaren Satz der Begründung oder
Erläuterung gehört zu haben:
»Einverstanden! Aber nur, wenn Sie mir mir sagen, weshalb Sie
aus Berlin weg und nach Rio ausgewandert sind.«
Über dieses Thema ohne erkennbare Emotionen, nüchtern und sachlich
zu sprechen, fiel Ullrich Hausmann immer noch schwer. Das Unterfangen,
hier im Flugzeug seiner Sitznachbarin eine von Gefühlswallungen
befreite Erklärung zu geben, erachtete er als eine gute Vorübung
für Berlin. Hatte er sich doch vorgenommen, während seines fünftägigen
offiziellen Aufenthalts dort keinerlei Anzeichen von Frustration
oder Verbitterung zu erkennen zu geben. Er würde Haltung bewahren
und sich auf keine Provokationen einlassen. Das war sein fester
Entschluß. Also berichtete er Maria von der totalen Machtübernahme
der Frauen nach jenen denkwürdigen Wahlen im Frühsommer 2003.
Wie innerhalb weniger Monate alle einflußreichen Positionen und
wichtigen Funktionsträger in allen Bereichen der Gesellschaft
sukzessive von Frauen besetzt worden sind sofern sie das nicht
vorher schon waren. Wie er als langjähriger Leiter des Gentechnologischen
Institus, mit staatlichen Lehr- und Forschungsaufträgen von einem
Tag auf den anderen und ohne jegliche Begründung zum »Mitarbeiter
mit eingeschränkter Lehrtätigkeit« degradiert worden ist. Wie
man ihm seine bisherige Labor-Assistentin als neue Chefin und
Leiterin des Instituts vor die Nase gesetzt hat. Wie diese dann
bestimme fortgeschrittene Forschungsprojekte einfach stoppte,
aufmüpfige Kollegen maßregelte oder entließ, wie bei der Neubesetzung
freigewordener Stellen nicht mehr nach Qualifikation sondern nur
noch nach Geschlecht entschieden wurde...
»Das war.«, endete Professor Hausmann seinen Bericht. »So konnte
und wollte ich nicht weiterarbeiten. Nachdem ich also die Grundsatzentscheidung
getroffen hatte, habe ich mich nach einer neuen Wirkungsstätte
in der Welt umgesehen. Es gab mehrere Angebote, aber da Portugiesisch
zufälligerweise meine zweite Muttersprache ist, erschien mir Rio
der ideale Ort.«
Maria war einigermaßen erschüttert. Die Geschichte, die sie eben
gehört hatte, erschien ihr mehr als absurd. Der Gedanke, daß all
dieses nicht in irgendeinem fernen Land am Rande der Zivilisation
geschehen sein soll, sondern ausgerechnet in jenem Staat der Frauen,
den sie zum Ziel ihrer Träume auserkoren hatte, war wenig beruhigend.
Hätte sie den Professor nicht als einen grundsoliden, intelligenten
und mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Mann kennengelernt
sie hätte ihn für verrückt erklärt. So aber blieb ihr nichts
als sprachlose Verwirrung.
(...)