Haltungsfragen

Die Frau, eine ausgesprochen gepflegte Erscheinung, Mitte Vierzig, in einem türkisfarbenen, klassisch geschnittenen Kostüm, dezent geschminkt, hatte Maria an beiden Händen ergriffen und strahlte sie an.

»Ich bin Doktorin Veronika von Lebeding-Sensenbach und Leiterin der Personalabteilung in diesem Hause. Kommen Sie meine Liebe, machen Sie es sich gemütlich. Ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm, daß ich Frau Cilly Obermann, unsere Abteilungsleiterin für den Bereich Südamerika, gleich zu diesem Gespräch eingeladen habe. Sie wird Ihre unmittelbare Vorgesetzte sein, und nartürlich ist sie genauso neugierig wie ich, unsere neue Mitarbeiterin aus Brasilien kennenzulernen.«

Ehe Maria auf dem angebotenen Zweisitzer Ledersofa Platz nahm, gab sie ihrer Abteilungsleiterin die Hand. Frau Obermann, etwa zehn Jahre jünger als die Personalchefin, hatte in ihrem grauen Flanell-Anzug mit Zweireiher-Jackett, ihren kurzen rotbraunen Haaren und ihrem ungeschminkten Gesicht eine ausgesprochen männlich-herbe Ausstrahlung. Sie nahm den Händedruck sitzend entgegen.

»Alfons, was stehen Sie noch hier herum? Sorgen Sie für Kaffe und Gebäck, umgehend, wenn ich bitten darf.«

Maria zuckte zusammen. Das war der gleiche scharfe Befehlston, den sie vorhin, noch hinter der Tür im Sekretariat stehend, gehört hatte. Kaum zu glauben, daß diese schneidende Stimme einundderselben Person gehörte wie jene überaus freundliche, warme und vertrauenerweckende, mit der Frau Doktorin sie eben begrüßt hatte.

Der Sekretär, der die ganze Zeit in Erwartung weiterer Befehle stumm an der Tür gestanden hatte, entfernte sich eilig und schloß die Tür. Zwischen den drei Frauen entwickelte sich umgehend ein entspanntes Gespräch. Besser gesagt, es war ein lockeres Frage-und-Antwort-Spiel mit zwei Quizmasterinnen auf der einen und Maria, der Kandidatin, auf der anderen Seite. Wie es denn so in Brasilien gehe, was sie bewogen habe, ihr Land zu verlassen, wie ihr Flug verlaufen sei, ob sie gut untergebracht sei, ob sie schon Freunde gefunden habe, womit sie ihre Freizeit verbringe, welche ersten Eindrücke sie vom Leben im Staat der Frauen gewonnen habe...? Fragen über Fragen, mal eher beiläufig gestellt, dann wieder in verschwörerischem Unterton, von Frau zu Frau sozusagen, Fragen über scheinbar Belangloses, Fragen, die man als höflicher Gastgeber einem weitgereisten Gast stellt. Doch gerade jener unverbindliche Zungenschlag, dessen sich die beiden Fragenstellerinnen bedienten, ließ bei Maria alle Antennen ausfahren.

Vorsicht! gebot ihr eine innere Stimme. Laß dich auf nichts ein. Erzähle nur so viel wie unbedingt nötig. Das ist die Vorstufe der Inquisition. Eine unbedachte Äußerung, und das Verdikt ist gesprochen...!

(...)

»Ihre Akte, liebe Frau Silberstein ist in der Tat sehr vielversprechend. Einmal ganz abgesehen von der fachlichen Qualifikation, über die es, wie ich meine, keine Zweifel gibt, bietet Ihr hier gezeichnetes Persönlichkeitsbild Anlaß zu der Annahme, daß Sie sich ohne Schwierigkeiten in unser Team einfinden werden. Mehr noch: ich bin davon überzeugt, daß Sie unser Unternehmen in mehrfacher Hinsicht bereichern werden, und wir einer langen, fruchtbaren Zusammenarbeit entgegensehen können. Oder wie sehen Sie das, verehrte Frau Obermann.«

Erneut war Maria verblüfft über die Modulationsfähigkeit der Stimme von Frau Doktorin. Angesiedelt in der Mitte zwischen dem scharfen Sopran, mit dem sie den Sekretär zerhackte und dem warmen Alt, mit dem sie bislang Maria umsäuselt hatte, kamen die Sätze nun glatt, nahezu unbetont und ohne einen Hauch von Emotionen prononciert über ihre Lippen. Kein Computer hätte ein Mehr an Geschäftsmäßigkeit und Unverbindlichkeit zuwege gebracht.

»Selbstvertändlic.«, meldete sich nun die Angesprochene zu Wort. Sie machte sich nicht die geringste Mühe, durch irgendwelche Modulationstechniken auch nur die Spur von Schärfe aus ihrer Stimme zu nehmen. Sie war bissig und aggressiv und sie wollte, daß jedes Gegenüber, das mit ihr zu tun hatte, dies spürte. Irrtum ausgeschlossen.

»Frau Silberstein würde wohl kaum hier sitzen, wenn ihre Person nicht den Mindestanforderungen unseres Unternehmens an Mitarbeiterinnen in gehobenen Positionen entsprechen würde. Gleichwohl ist es unsere Pflicht, ihr auch einige unbequeme Fragen zu stellen und sie auf die Besonderheiten unseres Betriebsklimas hinzuweisen. Wir müssen sicher gehen. Querulantinnen, Defätistinnen und XYbündlerinnen können wir uns nicht leisten.«

Befangenheit und Starrheit in Maria begannen wieder zu wachsen.

»Das entspricht absolut den Richtlinien unseres Unternehmen.«, bekräftigte die Computerstimme im türkisfarbenen Kostüm die Ausführungen der Abteilungsleiterin. »Verstehen Sie uns nicht falsch, liebe Frau Silberstein, wie die Frau Kollegin schon sagte, müsen wir bei Neueinstellungen größten Wert darauf legen, daß der Betriebsfrieden nicht gestört und das von uns sorgsam gepflegte feministische Betriebsklima in keiner Weise beeinträchtigt wird. Kommen wir also zur Sache. Hier steht, sie sind nicht verheiratet. Hat sich daran etwas geändert.«

»Nei.«, antwortete Maria kleinlaut. Ein Stimmungsumschwung hatte stattgefunden, und auch das freundliche Ambiente konnte die sich ausbreitende Kälte nicht relativieren.

»Gut! Haben Sie vor, sich zu verheiraten? Haben Sie eine Liaisson zu einem XY? Tragen Sie sich mit dem Gedanken einmal Kinder haben zu wollen?« schmetterte Frau Obermann nun von der anderen Seite.

Der Inquisition zweiter Teil hatte begonnen. Maria konzentrierte sich auf Gesichtsmuskulatur und Stimme. Nur nichts anmerken lassen. Auf keinen Fall Regung oder gar Erregung zeigen. Bleib cool, Mädchen. Du willst diesen Job und du brauchst diesen Job – alles weitere wird sich finden.

»Nein. Auf alle drei Fragen ein klares Nei.«.

Maria war erstaunt über die Festigkeit ihrer Stimme. Ein Glück, daß sie Gelegenheit hatte, unter Maggies Regieanweisungen die wichtigsten Spielregeln in dieser Gesellschaft kennenzulernen. Ohne dieses Training hätte sie jetzt wohl kapituliert.

»Ausgezeichne.«, schnalzte Frau Doktorin Veronika von Lebeding-Sensenbach mit der Zunge. Wie steht es mit Ihrer politischen Einstellung? Gehören Sie irgendeiner Partei an?

Nein hatte sich bislang als recht brauchbare Antwort erwiesen. Maria entschloß sich, dabei zu bleiben.

»Nein.«.

»Hm.«, verzog die Personalchefin das Gesicht. »Das ist einerseits gut, andererseits natürlich weniger gut. – Nun, in jedem Falle ist es besser, keiner Partei anzugehören als der falschen Partei. Wie Sie wissen, wird die vorbildliche Politik in unserem Lande getragen von zwei Parteien, der Einzig Wahren Feministischen Frauenpartei und der Radikalen Klaferzen Liga. Dies sind gewissermaßen die ideologischen Säulen auf denen der Staat der Frauen sicher und unerschütterlich ruht. Sie sind erst seit kurzer Zeit bei uns und müssen sich mit den Gegebenheiten noch vertraut machen. Wir haben deshalb volles Verständnis, wenn Sie Ihre politische Orientierung noch nicht abgeschlossen haben. Ich darf Ihnen allerdings den dringenden Rat mit auf den Weg geben, nicht den rückwärtsgewandten, einer untergegangenen Epoche nachtrauernden Ideen oppositioneller Parteien zu erliegen. Ihrem Weiterkommen in unserem Unternehmen wäre ein solcher Schritt nicht sehr dienlich. Am besten, Sie statten nach unserem Gespräch der betrieblichen Parteizentrale der EWFFP einen Besuch ab. Zimmer 2101 auf dieser Etage...«

»...und im Zimmer 2112 gegenüber finden Sie die Parteisekretärin der RKL. Auch sie würde sich über Ihren Besuch freue.«, fuhr die Abteilungsleiterin dazwischen.

»Ja, gewiß.«, nahm die Personalchefin ihren Faden wirder auf, »bei diesen Parteisekretärinnen sollten Sie sich die nötigen Informationen besorgen, um dann in aller Ruhe zu entscheiden, welcher der beiden Parteien Sie beitreten möchten. In beiden Fällen, das sei an dieser Stelle noch gesagt, übernimmt das Unternehmen die Zugehörigen-Beiträge.«

Maria wußte, was die Glocke geschlagen hat. Die Art und Weise, wie diese Ratschläge an sie herangetragen wurden, ließ keine Zweifel aufkommen. Politisches Wohlverhalten ist erste Bürgerinnenpflicht, und die berufliche Karriere wird in erster Linie vom Parteibuch bestimmt. Das also war sie, die vielgepriesene Freiheit der Frauen im fortschrittlichsten Staat der Welt. Trotz stieg in ihr hoch.

(...)

Die Stimme der Vernunft behielt schließlich die Oberhand. Maria bekräftigte, daß sie selbstverständlich gerne die Hilfe der Parteisekretärinnen in Anspruch nehmen werde, um ihre politische Orientierung zu vervollkommnen. Artig fügte sie hinzu, alles tun zu wollen, um den an sie gerichteten Erwartungen Genüge zu leisten. Eine perfekte Vorstellung linientreuer Subordination, die bei den Ratgeberinnen ihre Wirkung nicht verfehlte.

»Ich war sicher, daß wir uns verstehen würde.«, säuselte Frau Doktorin Veronika von Lebeding-Sensenbach, die zu ihrem wohlklingenden Alt zurückgefunden hatte. »Ich darf Sie jetzt der Obhut von Frau Obermann überlassen, die Ihnen Ihren Arbeitsplatz zeigen und Sie mit Ihren Aufgaben vertraut machen wird.«

Frau erhob sich und schritt langsam zur Tür. Dort nahm Frau Doktorin, dem Begrüßungsritual entsprechend, Marias Hände in die ihren. Nur diesmal war der Händedruck spürbar fester und begleitet von einem tiefen Blick in Marias Augen.

»Und vergessen Sie nicht, liebe Frau Silberstein, wann immer Sie ein Problem haben, welches es auch sei: haben Sie keine Scheu, kommen Sie zu mir. Ich bin immer für Sie da. Versprechen Sie mir das.«

Die letzten Worte hauchten Maria an. Das türkisfarbene Kostüm war ganz nahe an sie herangekommen, und das blumige Parfum, das von dort ausging, kitzelte ihre Geruchsnerven.

»O ja, ganz bestimmt. Das ist sehr nett von Ihnen. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Auf Wiedersehen.«

Im Hinausgehen ärgerte sie sich über die Verlegenheit, die diese Frau zum Abschied bei ihr ausgelöst hatte. Der Blick auf den in gebeugter Haltung die Tür zum Flur aufhaltenden Sekretär Alfons indes erlöste sie von ihren Selbstzweifeln: Klage nicht Maria und nimm die Dinge von ihrer positiven Seite. Es gibt schlimmere Schicksale als das deine.