Das inszenierte Glück

Maggie hielt in der langsamen Bewegung auf der Tanzfläche inne, nahm Marias Kopf in beide Hände und sah ihr für einige Sekunden tief in die Augen.

»Du kannst dabei sein, wenn du willst. Ich habe nichts dagegen. Mehr noch, ich wünsche es mir. Und Charly, dessen bin ich ganz sicher, wird es auch nicht stören, ganz im Gegenteil.«

Maria spürt die Hitze in ihrem eingeklemmten Kopf aufsteigen.

»Du meinst, ich soll...zusammen mit dir und Charly...wir sollen zu dritt...? Ich glaube nicht, daß ich das kann. Ich habe das noch nie gemacht.«

»Hm, das habe ich erwartet. OK, wir setzen uns jetzt dort drüben an die Bar, bestellen uns einen Cocktail und reden in aller Ruhe darüber. Einverstanden.«

Maria willigte ein und wenig später saßen die Frauen am Bartresen.

(...)

»Im Staat der Frauen herrschen andere Gesetze als im dem Land, aus dem du kommst. Richtig.«

»Richtig.«

»Und jede Gesetzgebung, sei sie noch so ausgefeilt und engmaschig, hat auch ihre Schwachstellen und Lücken. Richtig.«

»Vermutlich. – Ja, kann schon sein.«

»Es ist so. Auch hier ist es so. Auch im Staat der Frauen läßt sich nicht alles hundertprozentig so regeln, wie es die Ideologie der Oberemanzen eigentlich verlangte. Die Sache mit den Besamungsabenden, von denen ich dir erzählt habe, ist ein Beispiel. Ein anderes sind Dreierbeziehungen – und zwar in der Konstellation, wie wir sie haben: zwei Frauen, ein Mann. Lesbische Beziehungen sind, ob nun formalisiert als Ehe oder nicht, grundsätzlich gern gesehen und offiziell als Idealzustand gesellschaftlich anerkannt. Wenn sich nun beide Frauen in einer solchen Beziehung darauf einigen, sich einen gemeinsamen Beischläfer zu halten, dann ist das nicht nur ihr gutes Recht, sondern sie leisten dem Gemeinwohl im Frauenstaat auch noch einen guten Dienst.«

Maria nippte an ihrem Cocktail und sah einigermaßen ratlos drein, sehr zu Maggies Vergnügen.

»Ich sehe schon, diese Logik durchschaust du noch nicht. Dabei ist es ganz einfach. Nach offizieller Lesart strebt keine der beiden Frauen eine traditionelle Partnerschaft oder gar Ehe mit einem XY an. Sie himmeln ihn nicht an, noch unterwerfen sie sich ihm – sie benutzen ihn. Alle Macht den Frauen, keine Macht den XY. Verstehst du? Und ganz nebenbei werden durch solche Dreierbeziehungen die ohnehin überlaufenen Besamungsabende entlastet.«

»Aber das ist doch total verlogen!« platze Maria heraus, die dieses Spiel allmählich durchschaute. »In Wirklichkeit lachen sich doch nur die Männer ins Fäustchen, wenn sie es auf diese Weise mit zwei Frauen treiben können.«

»Vordergründig betrachtet hast du recht. Aber du darfst nicht vergessen, daß die Frauen bestimmen, wer ihr Beischläfer sein soll, wann er aktiv zu werden hat und in welcher Weise. Und wenn sie seiner überdrüssig sind, servieren sie ihn ab. Der Witz ist, daß männliche Besitzansprüche auf diese Weise vollkommen negiert werden. Und das, meine liebe Maria, das trifft patriarchalische Gemüter tief ins Mark. Der Umstand, daß einem XY in der praktizierten Dreisamkeit auch außergewöhnliche sexuelle Genüsse zuteil werden, muß als ungewollter Nebeneffekt in Kauf genommen werden. Eine bedauerliche Lücke im feministischen Regelwerk, aber leider nicht zu ändern.«

Die letzten Worte brachte Maggie nur noch lachend über die Lippen.

»Ist das nicht wunderbar. Wir tun nichts, was im mindesten gegen die heiligen Regeln im Staat der Frauen verstößt, und wir kommen dabei alle drei auf unsere Kosten. Charlys patriarchalischen Ambitionen, das weiß ich, halten sich in Grenzen. Charly ist durch und durch Epikuräer, er stellt keine Besitzansprüche solange es ihm gut geht.«

(...)

Arm in Arm verließen die drei lachend das Etablissement. Aus den Lautsprechern tönte Help Me Make It Through the Night. Irgendeine diffuse Erinnerung wurde durch diesen Song in Charly geweckt. Was war es bloß? – Es wollte ihm einfach nicht einfallen.

(...)