»Unglaublich, einfach unglaublich. Entsetzlich! Das... das darf
doch nicht wahr sein...!«
Fassungslos saß Karl Grüner vor dem Fernsehgerät. Er drückte verschiedene
Knöpfe auf seiner Fernbedienung, doch die anderen Programme, die
jetzt über die Ergebnisse dieses Wahlsonntags berichteten und
das war bei den meisten der 35 zur Verfügung stehenden Sendern
der Fall kamen in ihren ersten Hochrechnungen zu nahezu identischen
Ergebnissen: Mit knapp 44 Prozent erhielt die EWFFP (Einzig Wahre
Feministische Frauen Partei), erwartungsgemäß die meisten Stimmen.
Rund 36 Prozent für die RKL (Radikale Klaferzen Liga), um die
15 Prozent für die UMU (Unvermeidliche Mutterschafts Union) und
gerade knapp über fünf Prozent für die PP (Partnerschafts Partei).
Grüners Erregung hatte etwas Kindliches, Naives an sich, vergleichbar
mit dem Fiebern eines begeisterten Fußball-Zuschauers, der ungeachtet
der Tatsache, daß seine Lieblingsmannschaft in der 85. Minute
rettungslos mit 0:5 im Rückstand liegt, immer noch auf ein Wunder
hofft und erst mit dem Schlußpfiff bereit ist, die vernichtende
Niederlage, die sich doch schon zur Halbzeit abzeichnete, als
solche anzuerkennen. Diese Verteilung von Prozentpunkten, die
jetzt in den Fernseh-studios unter Einsatz von Hochgeschwindigkeits-Computern
vorgenommen wurde, war doch nichts als eine im Grunde belanglose
Zahlenspielerei. Karl Grüner war sich dessen voll bewußt. Es war
ihm klar, daß dies keine Zeit war für Wunder, so sehr man sie
sich auch erhoffte. Es war ihm klar, daß das Unvorstellbare an
diesem Sonntag besiegelt würde. Es war ihm klar, daß sein Dasein
als Mann mit dem heutigen Tage eine fundamentale, ja existentielle
Veränderung erfahren mußte. All das wußte er längst und doch:
angesichts der bunten Grafiken auf dem Bildschirm mit den zugehörigen
Prozentzahlen kam das blanke Entsetzen über ihn.
(...)
Das Läuten des Telefons riß Karl Grüner aus seinen Gedanken. Im
Fernsehen wurden jetzt reihenweise strahlende Siegerinnen zu ersten
Statements, Analysen, Dankesworten und programmatischen Äußerungen
zur künftigen Politik gemäß ihrer Wahlkampfparolen vor die Kameras
geholt. Grüners Interesse daran hatte sich längst erschöpft. Unschlüssig
erhob er sich von seinem gemütlichen Lümmelsofa und ging zum Telefon.
Hätte ich doch nur den Anrufbeantworter eingeschaltet, dachte
er, als er den Hörer abnahm.
»Grüner.«
»Na, was sagst du dazu?« vernahm er am anderen Ende der Leitung
die überdrehte Stimme seines Freundes Roland.
»Ach du bist es«, sagte er müde und genervt.
»Mann, ist das nicht Wahnsinn?! Ein neues Zeitalter ist angebrochen,
und wir dürfen es miterleben. Das ist so epochemachend wie Kopernikus,
Edison und Einstein zusammengenommen...«
»Du sprichst von Genies, die Großes geleistet und der Menschheit
manch guten Dienst erwiesen haben«, erwiderte Grüner trocken.
»Pha, du mit deiner bürgerlichen Borniertheit willst es natürlich
immer noch nicht verstehen. Daß jetzt die Frauen an der Macht
sind, und nur die Frauen, das ist die bedeutsamste geistige Revolution
seit...seit... Konfuzius... oder was weiß ich? Wahrscheinlich
gibt es überhaupt kein vergleichbares Ereignis in der Geschichte
der Menschheit...«
»Die Natur rächt sich an dem, der ihr zuwiderhandelt alte chinesische
Volksweisheit«, unterbrach Grüner die schwärmerischen Ausführungen
seines Freundes. »Bitte, ich kann deine Euphorie nicht teilen
und habe jetzt überhaupt keinen Nerv, mich mit dir zu streiten.
Wir werden in nächster Zeit noch reichlich Gelegenheit haben,
uns über diese geistige Revolution, wie du es zu nennen beliebst,
zu unterhalten, aber nicht heute...«
»Ach vergiß doch deinen Pessimismus. Du wirst sehen, es ist schon
richtig so. Und nun sei ein guter Junge, zieh dich an und komm
rüber ins Frauenzentrum, um mit uns den grandionsen Wahlsieg der
EWFFP zu feiern.«
»Ins Frauenzentrum??«
»Ja, hab ich dir doch erzählt, daß ich hier im Frauenzentrum
in der Charlottenstraße als Wahlhelfer mitarbeite und...«
»Du darfst selbst nicht wählen, aber du arbeitest im Frauenzentrum
als Wahlhelfer mit? Bist du noch zu retten? Hast du denn überhaupt
keinen Stolz im Leibe?«
Karl Grüner war aufrichtig entsetzt über seinen Freund. Er empfand
ihn in diesem Augenblick als einen Verräter und spürte seinen
Zorn dagegen aufsteigen.
»Was heißt denn Stolz? Wir Männer haben keinen Grund, den Frauen
gegenüber irgendeine Form von Stolz herauszukehren. Komm her.
Du wirst sehen, das sind ganz tolle Frauen. Die verdienen, daß
wir sie unterstützen...«
»Meinetwegen kannst du sie unterstützen, den Wahlhelfer spielen,
sie auf Händen tragen oder ihnen den Hintern abwischen. Ich
habe damit nichts zu tun und ich werde auch nie etwas damit zu
tun haben. Du kotzt mich an!«
Damit knallte Karl Grüner den Hörer auf den Apparat. Eine Erregung
hatte ihn ergriffen, wie er sie sonst an sich nicht kannte. Eine
fundamentale Wut gegen den Freund, dessen geistige Geschlechtsumwandlung
er als niederträchtig, pervers und ekelerregend empfand und das
gleichzeitige Gefühl des hilflos Ausgeliefertseins ließen ihn
beinahe den Kopf zerspringen.
Über den Fernsehschirm flimmerten in penetranter Pausenlosigkeit
Berichte über Siegesfeiern und Portraits von selbstgefälligen
Wahlsiegerinnen. Grüner drückte den roten Knopf der Fernbedienung
und schaltete das Gerät ab.
»Wenigstens dieses kleine Fünkchen Macht, den Fernseher nach Belieben
ein- oder auszuschalten, ist mir geblieben«, sagte er halblaut,
als wolle er sich dieser Feststellung ausdrücklich vergewissern.
Dann inspizierte er den Kühlschrank. Nüchtern schien ihm die Wirklichkeit,
die sich unweigerlich in seinen Gehirnwindungen einnistete, unerträglich.
Wenn bei klarem Verstand der Boden unter den Füßen ins Wanken
gerät, dann muß der Verstand eben abgeschaltet werden, damit wieder
Ruhe einkehren kann. Er fand eine kaum angebrochene Flasche Wodka.
Das uralte Lied Help Me Make It Through the Night fiel ihm ein und er lächelte befriedigt über diesen Fund.
(...)