Die Demontage des Adlers hatte sich als eine vergleichs-weise
leicht zu bewerkstelligende Angelegenheit erwiesen. Waren die
Fakten, die gegen dieses Monstrum sprachen, doch eindeutig und
für jede Frau nachvollziehbar. Ein Verbleib dieses Ursymbols männlicher
Willkürherrschaft als Wappentier in dem neugeschaffenen, fortschrittlichen
Frauenstaat war allen Parlamentarierinnen als so fraglos unangemessen
erschienen, daß eine Grundsatzdebatte hierüber nicht geführt werden
mußte. Die Auseinandersetzung über das Nachfolgetier schließlich
war am Ende eher ein akademischer Streit, bei dem weniger das
Ergebnis von Bedeutung war als die Tatsache, ihn geführt und
aus Sicht der EWFFP gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse
gewonnen zu haben.
Eine weitaus kompliziertere Aufgabe stellte den feministischen
Staatslenkerinnen die Sprache. Wie oft hatten sie in der Vergangenheit
gegen Sprachchauvinismen aller Art ankämpfen müssen, gegen realitätsverzerrende
maskulinisierende Vereinfachungen, gegen frauenfeindliche Begriffe
und Redewendungen, die jeder gedankenlos in den Mund nahm, gegen
den alltäglichen verbalen Sexismus, der die Zeitungsspalten füllte
und von den Fernsehschirmen aus die Wohnzimmer überflutete? So
ausgeklügelt impertinent hat sich das männlichste aller Ordnungssysteme,
die Grammatik, über Jahrtausende entwickelt und in den Gehirnwindungen
festgefressen, daß ihr, solange die Männer regierten, kaum beizukommen
war.
(...)
Diesem Phänomen mußten die Frauen jetzt, da es in ihrer Macht
lag, mit Entschlossenheit begegnen.
(...)
»Parlamentarierinnen, Kämpferinnen, Frauen! Wir haben die Männer
in die politische Wüste geschickt, die Diktatur des Patriarchats
hat ausgedient.«
Minutenlanger frenetischer Beifall im Saal.
»Die Macht im Staate liegt endlich dort, wo sie schon immer hingehörte:
in den Händen der Frauen. Wir haben dafür gesorgt, daß alle wichtigen
Kommunikations-Instrumente, die Verlage, Sendeanstalten, Werbeagenturen
etc. schädlichen männlichen Enflüssen entzogen sind und ungehindert
in unserem Sinne eingesetzt werden können. Das allein ist eine
großartige Leistung, auf die wir mit Recht stolz sein können und
um die uns Millionen Frauen in der Welt beneiden.«
Erneut unterbrach tosender Applaus den Vortrag.
»Doch seien wir vorsichtig und wachsam. Große Gefahren lauern
überall. Gefahren, die um so gemeiner sind, da sie unter dem Deckmäntelchen
der Normalität und Selbstverständlichkeit daherkommen, und damit
von den wenigsten überhaupt als Gefahren identifiziert werden.
In allen Köpfen, auch in den euren, die ihr über alle Zweifel
erhaben auf der richtigen Seite kämpft, hat sich dieses Gefahrenpotential
eingenistet und lauert dort auf seine hinterhältigen Chancen.
Was ich meine, ist die destruktive Kraft der herrschenden Sprache.«
An dieser Stelle setzte Sybille Silbenbruch gekonnt eine rhetorische
Kunstpause. Das Auditorium war ihren Ausführungen mit konzentriertem
Interesse gefolgt, so daß sich jetzt eine schier bedrückende Stille
im Saal ausbreitete. Als die Ministerin noch immer keine Anstalten
machte weiterzusprechen, hob ein verunsichertes Murmeln an. Mit
schneidender Stimme fuhr die Sprachgewaltige am Rednerpult dazwischen.
»Das ist es, wovor ich euch warnen will: eure stillschweigende,
verinnerlichte Ignoranz. `Herrschende Sprache´ habe ich gesagt.
Anstatt ein Aufschrei des Entsetzens mich unterbricht, verharrt
ihr im dumpfen Schweigen wiederkäuender Kühe. Herrschen! Es herrscht
niemand mehr, weil es keine Herren mehr gibt! Was also soll dieses
Wort? Hat es noch eine Berechtigung, auch nur von einer Frau in
den Mund genommen zu werden.«
Die jetzt mit Bedacht gesetzte rhetorische Pause nutzten die Parlamentarierinnen
nun, um sich kollektiv vom Bild der widerkäuenden Kühe zu befreien
und zollten ihrer klugen Ministerin den gebührenden Beifall. Selbst
Kanzlerin Schapunski-Klagefeld, die ihrerseits mehr als einmal
ihre Meisterschaft des wohlgesetzten Wortes unter Beweis gestellt
hatte und so leicht nicht zu beeindrucken war, fühlte sich bemüßigt,
ihren Respekt durch anhaltendes Händeklatschen zu bekunden.
(...)
In der Zusammenfassung lasen sich die wesentlichen Erkenntnisse
und Veränderungen in der neuen feministischen Sprach-lehre in
fünf Grundregeln wie folgt:
1. Eigennamen, Anrede, Berufsbezeichnungen, akademi-
sche und sonstige Titel usw. sind ausschließlich in der weiblichen
Form, also mit der Endung »in« bzw. »innen« zu
verwenden.
2. Alle Substantive, die Negatives ausdrücken und bisher
weiblich waren, erhalten einen männlichenArtikel (z.B. der
Eifersucht, der Mißgunst, der Kanone, der Lüge usw.)
3. Alle Substantive, die Positives ausdrücken und bisher männlich
oder sächlich waren, erhalten einen weiblichen
Artikel (z.B. die Mut, die Wille, die Sieg, die Wissen usw.)
4. Alle Substantive, deren Bedeutung nicht eindeutig dem
Positiven oder Negativen zuzuordnen ist, werden zu Neu-
tren erklärt (z.B. das Autorität, das Vergleich, das Umstand,
das Geruch usw.)
5. Vollständig eliminiert werden alle Begriffe sexistischen,
pornografischen und anderweitig frauenfeindlichen In- halts. Ersatzvokabeln
unterliegen nicht der tradierten Sprachästhetik. Ihre Tauglichkeit
wird allein an ihrer femini-
stischen Glaubwürdigkeit gemessen.
Während die Verabschiedung der Regeln 1. bis 4. keinerlei Probleme
bereitete, erforderte die Festlegung der unter Punkt 5. festzulegenden
Begriffe »...anderweitig freuenfeindlichen Inhalts« doch einige
Diskussionen, die mit großer Ernsthaftigkeit, mitunter leidenschaftlich
geführt wurden.
(...)
Als recht problematisch erwies sich beispielsweise das Wort »Mitglie.«.
Gäbe es in der deutschen Sprachen nicht jenen fatalen Doppelsinn,
den das Wort »Glied« mit sich herumschleppt, wäre die Sache einfacher
gewesen. »Mitglied« unzweideutig verstanden als »ein weiteres
Glied in der Kette« hätte lediglich der weiblichen Endung bedurft,
um als »Mitgliedin« salonfähig zu bleiben. Da »Glied« aber nun
mal auch, und womöglich im alltäglichen Sprachgebrauch überwiegend,
das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, war es gänzlich ausgeschlossen,
eine Frau »Mitglied« oder »Mitgliedin« zu nenne. Aber auch die
Verneinung schied aus. »Ohnegliedin« wäre zwar der biologischen
Wahrheit nähergekommen, doch die Definition einer Frau als Verneinung
eines originär männlichen Teils, und noch dazu eines solchen,
war schlicht inakzeptabel. Der einzige Ausweg lag auch hier in
der völligen Eliminierung des Wortes »Mitglie.«. An seine Stelle
trat, wenig spektakulär, aber unverdächtig und eindeutig: »die
Zugehörig.«.
Kontrovers diskutiert wurde »der Mann« inklusive aller Ableitungen
und zusammengesetzter Formen wie Mannschaft, männlich, Männerheim
usw. Mit aller Macht versuchten die RKLinnen den radikalemanzipatorischen
Flügel der EWFFP für sich zu gewinnen, um »Mann« durch »Schwein«
zu ersetzen. Vergeblich. Es kam zu einer Kampfabstimmung, aus
der der gemäßigte Block der Regierungspartei im Zusammenspiel
mit der Opposition siegreich hervorging. Danach sind »der Mann«
sowie alle Ableitungen und zusammengesetzten Formen aus dem Sprachgebrauch
zu streich, wo immer es möglich ist. Dort, wo es unumgänglich
ist, das Nichtweibliche explizit darzustellen, wird dies durch
die Verwendung der beiden Buchstaben XY bewerkstelligt. Diese
Lösung erschien der Mehrheit im Parlament doch als die wesentlich
elegantere. Mit dem Rückgriff auf das Chromosomenpaar gab man
sich wissenschaftlich eindeutig, sachlich und unwiderlegbar. »Schwein«
hätte nur unnötige Emotionen ausgelöst, »XY« dagegen wirkte absolut
nüchtern, geradezu nichtssagend. Kanzlerin Anne-Heide Schapunski-Klagefeld
war höchst zufrieden mit diesem Abstimmungserfolg. Seitenhiebe
austeilen und dabei unangreifbar bleiben das war ihre Sache.
Hier zeigte sich die wahre Meisterschaft einer genialen Politikerin.
(...)
Es wurde am Ende eine recht lange Sitzung, ehe das gesamte Papier
zur »Feministischen Sprachreform« abgearbeitet war. In den frühen
Abendstunden dieses denkwürdigen Tages konnten die Kanzlerin Anne-Heide
Schapunski-Klagefeld und die Ministerin für Feministische Sprache
und Kultur, Sybille Silbenbruch, schließlich vor den ungedultig
wartenden Pressevertreterinnen jene Erklärung abgeben, die den
Leserinnen und Lesern der Morgenblätter im wahrsten Sinne des
Wortes die Sprache verschlug:
Die Verstand die Frauen die Sieg die Vernunft
Eine weitere großartige Sieg auf die Weg in eine glückliche Zukunft
unsere Staat haben die tapferen Frauen unsere Regierung errungen.
Ihre ganze Wissen und Sorgfalt haben sie in das Waagschale geworfen,
um unsere Sprache von deformierenden und schädlichen XY-Einflüssen
zu säubern. In mühevolles Arbeit ist es unseren Politikerinnen
gelungen, die Frauschaft über das Wort endgültig zu sichern.
Alle Frauen und erst recht alle XY im Lande werden aufgefordert,
die neuen Sprachregelungen umge-hend zu verinnerlichen. Eine neue
Gesetz, die die Einhaltung diese Regelungen überwacht, wurde verabschiedet.
Derzufolge werden nach einem Übergangsfrist von drei Monaten alle
Verstöße mit Geldbußen, im Wiederholungsfalle mit Haftstrafen
belegt.
Das ganze Welt wird von die neuerliche Sieg unsere Frauen-regierung
über den XY-Größen-wahn sprechen und frau wird in anderen Ländern
nicht umhin kom-men, sich über diese zivilisatorische Fortschritt
enrsthaft Gedanken zu machen. Dieses heutige Tag wird eingehen
in das Ge-schichte des Menschheit.
(...)