Der Fall des Adlers

Die Wahlen waren ohne nennenswerte Probleme über die Bühne gegangen. Lediglich von einzelnen Störversuchen durch »frustrierte Männer, die mit typischem Macho-Gebaren und lächerlicher Naivität den reibungslosen Ablauf in manchen Wahllokalen zu behindern versuchten« wußten die Medien zu berichten. Doch die Organisatorinnen waren auf alle Eventualitäten vorbereitet. Blockaden vor Wahllokalen wurden durch starke Polizeikräfte aufgelöst, die Rädelsführer verhaftet. Männer, die versuchten, sich getarnt in Frauenkleidern, mit Perücken und dicker Schminke in unerlaubter Weise einen Stimmzettel zu erschleichen, konnten der eingehenden Leibesvisitation, die beim geringsten Verdacht rigoros durchgeführt wurde, nicht standhalten. Sie wurden öffentlich und zum großen Amüsement der anwesenden Wählerinnen demaskiert und unter dem Vorwurf des versuchten Wahlbetrugs ebenfalls der Polizei übergeben.

Die führenden Politikerinnen hatten ihren Wählerinnen »saubere« Wahlen versprochen – und dieses Versprechen wurde auch eingehalten. Die Wählerinnen ihrerseits dokumentierten ihr großes Vertrauen, das sie in die Frauenparteien mit ihren feministischen Programmen setzten, indem sie in großer Zahl zur Wahlurne gingen. Eine Wahlbeteiligung von annähernd 90 Prozent war ein Ergebnis, von dem die Männer-Regierungen in den zurückliegenden Jahrzehnten nur träumen konnten.

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Die große, übergeordnete Idee vom Kampf gegen alles Männliche schweißte die EWFFP und die RKL gnadenlos zusammen, und das von den männlichen Statisten erwartete, geradezu herbeigesehnte Konkurrenzdenken unter den Frauen blieb gänzlich aus. In beängstigender Einmut ging die Regierungsbildung über die Bühne: EWFFP-Chefin Anne-Heide Schapunski-Klagefeld übernahm ebenso unangefochten das Kanzleramt, wie Gerlinde Gräulich von der RKL als ihre Stellvertreterin bestimmt wurde.

An der Männerfront passierte nach diesen Wahlen zunächst überhaupt nichts. Der Schock saß tief, und die nicht mehr zu leugnende Erkenntnis, lediglich als Statist an einem wahrhaft historischen Ereignis teilnehmen zu können, ja, in weiten Teilen sogar zum bloßen Zuschauen verurteilt zu sein, hatte sich wie ein lähmender Virus in die empfindsamen Männerseelen hineingefressen. Man(n) war zutiefst verletzt über dieses ungeheuere Maß an weiblicher Undankbarkeit, empört über die feministische Rücksichtslosigkeit, aber auch entsetzt über die eigene, männliche Dummheit. Letzteres tat am meisten weh. Stand es doch völlig außer Frage, daß dieses Desaster nur durch aktive Mithilfe der Männer – (Warum hat denn niemand diesen verrückten Heribert Wirsing davon abgehalten, als erster Frauenkanzler in die Geschichte eingehen zu wollen?) – Realität werden konnte. Für viele Geschlechtsgenossen war er der Sündenbock.

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Die kühne Entschlossenheit, mit der Sofortmaßnahmen durchgezogen wurden, zeigt sich an dem Beispiel mit dem Wappentier. Lange schon war der Adler – mit seinen aufgespreizten Flügeln, den ausgefahrenen Krallen und dem kämpferisch nach vorn gereckten Schnabel ein klassisches Symbol männlicher Aggressivität – den Frauen ein Dorn im Auge. Also mußte er verschwinden. Von der Wand im Plenarsaal ebenso wie von allen offiziellen Briefköpfen, Stempeln, Dienstsiegeln, Plaketten und Plakaten. Kurz, dem stolzen Herrscher der Lüfte (in natura ohnehin kaum noch vorhanden) sollte als Symbolfigur endgültig der Garaus gemacht werden. Ein entsprechender Antrag war bereits vor den Wahlen von der RKL-Fraktion eingebracht worden. Er wurde als dringlich eingestuft und als wichtigster Tagesordnungspunkt für die erste ordentliche Parlamentssitzung nach den Wahlen festgelegt. Bis dahin, so hatte man vereinbart, sollte sich jede Fraktion auf einen Vorschlag für ein geeignetes Wappentier einigen und diesen dann zur Diskussion stellen.

Als naiv, verlogen und somit gänzlich unbrauchbar wurde der Schmetterling, den die PP-Anhängerinnen gern als Wappentier sehen wollten, abgelehnt. Wenig besser erging es der Schildkröte, die von der UMU ins Spiel gebracht wurde. Frauke Spinnbein-Lessny, Diplom-Biologin, Spezialistin auf dem Gebiet der vergleichenden Fortpflanzungswissenschaften und EWFFP-Abgeordnete, hat im Laufe der Diskussion zunehmend die Rolle der Sachverständigen übernommen und hielt es für unerläßlich, ihren Kolleginnen im Parlament einige erstaunliche Lektionen in Sachen Tierkunde zu erteilen.

»Daß Sie ein Tier gewählt haben, das in unserer Sprache wenigstens einen weiblichen Artikel trägt, ist immerhin erfreulic.«, wandte sie sich an die Fraktion der Mutterschaftlerinnen und verteilte damit gleich noch einen Seitenhieb auf die PP mit ihrem Schmetterling.

»Für die Schildkröte sprechen auch noch ihr Durchstehvermögen, ihre Genügsamkeit und ihr enormer Lebenswille. Aber, meine Damen von der UMU« – jetzt wurde Frauke Spinnbein-Lessny laut – »wie können Sie es wagen, eine Kreatur als Wappentier für eine feministische Utopie vorzuschlagen, die wie keine andere auch ohne Gehirn noch monatelang weiterexistieren kann? Ist Ihnen klar, welchem Gespött wir uns damit aussetzen würden? Die Männerbrut da draußen wartet doch nur auf derartige Fehler. Lassen Sie in Zukunft etwas mehr wissenschaftliche Sorgfalt walten.«

Diese Zurechtweisung kam einen Befehl gleich, wie ihn Kanzlerin Schapunski-Klagefeld nicht besser hätte formulieren können. Sie war sehr zufrieden mit ihrer biologisch gebildeten Kampfgefährtin, zumal auch ihr die besondere Schildkröten-Fähigkeit, gehirnlos weiterleben zu können, bis dato gänzlich unbekannt war. Die Frauen von der UMU nahmen den Rüffel der Expertin beschämt schweigend zur Kenntnis. Die Schildkröte war gestorben – mit oder ohne Hirn.

Die eigentlich interessante Auseinandersetzung spielte sich nun zwischen der Gottesanbeterin (Mantis religiosa), dem RKL-Vorschlag, und der Stabheuschrecke (Carausius morosus), der Empfehlung der EWFFP, ab. Die Tatsache, daß es sich in beiden Fällen um Heuschrecken handelte, war um so bemerkenswerter, da der Einigungsprozeß zur Festlegung des Wappentier-Vorschlags in beiden Fraktionen vollkommen unterschiedlich verlaufen war. Bei der RKL lag die Gottesanbeterin auf der Hand. Was wäre für eine erklärte Schwanz-ab-Partei passender, als ein weibliches Geschöpf, das nach der Begattung (irgendwie muß es schließlich weitergehen) das Männchen frißt. Damit gab es, nachdem die Mantis religiosa Erwähnung gefunden hatte, keine Diskussionen mehr.

Wesentlich schwieriger war eine Entscheidung bei der EWFFP herbeizuführen. Hier war der (deutlich subtilere) Grundgedanke der der Parthenogenese. (Die deutsche Übersetzung »Jungfernzeugung« wurde aus sprachästhetischen Gründen als terminus technicus von vorn herein abgelehnt.) Da die Parthenogenese aber bei mehreren Tierarten vorkommt, war es nicht so leicht, die richtige zu finden. Niedere Lebewesen wie Rädertierchen oder bestimmte Würmer schieden natürlich aus. Komplizierter wurde es bei den Bienen. Als echter Konkurrent zur Stabheuschrecke hatte sich nach längerer Beratung eine exotische Echse herauskristallisiert. Die Entscheidung zugunsten der Stabheuschrecke führte am Ende Frauke Spinnbein-Lessny herbei, als sie zu bedenken gab, daß auf ein Carausius morosus Männchen gut 1000 Weibchen kämen, die sich über mehrere Generationen hinweg parthenogenetisch fortpflanzen könnten. Hinzu käme die herausragende Eigenschaft der Mimese, ein Phänomen, »dem wir Frauen durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen sollte.«, wie die Biologin verschmitzt lächelnd hinzufügte.

Bei der nun anstehende Entscheidung im Parlament erschien es allerdings als keineswegs gesichert, daß die Stabheuschrecke auch durchkommen würde. Die Gottesanbeterin hatte bei einer ganzen Reihe von EWFFP-Frauen einen tiefen Eindruck hinterlassen, und die Klaferzen zeigten in dieser Frage keinerlei Kompromißbereitschaft. Bei der Abstimmung schließlich zeigte die Opposition, daß auf sie Verlaß war. Abgesehen von einigen Enthaltungen stimmten die Fraktionen von UMU un PP für die Stabheuschrecke. Mit männermordenden Viechern wie der Gottesanbeterin wollten diese Frauen nichts zu tun haben und votierten daher für das kleinere Übel, die Parthenogenese. Anne-Heide Schapunski-Klagefeld konnte einen weiteren Triumph für sich und ihre Partei verbuchen. Noch während der Parlametssitzung wurde auf ihre Anordnung hin der Adler an der Wand des Plenarsaal von den Saaldienern abmontiert und hinausgeschafft.